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KI - Was zu bedenken wäre. - IV


Es war im neunundvierziger Jahr ...


... da blieben vor San Francisco viele Schiffe liegen, Schiffe, die eigentlich nach dem Löschen der Ladung wieder in See stechen sollten. Doch es mangelte ihnen an Matrosen, denn diese waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Verlockungen des Goldrausches gefolgt. Es gab sogar eine Zeitung, die ihr Erscheinen einstellen musste, weil es ihr an Mitarbeitern fehlte. Der große Run auf das Edelmetall versprach schnellen und unermesslichen Wohlstand. Doch reich wurden damals nicht jene, die sich auf die Goldfelder begaben und nach Nuggets suchten, sondern andere, die im Kielwasser des Goldrauschs mitschwammen und ihre Geschäfte machten. Händler etwa, die ihre Waren überteuert verkauften. Einer davon ist mit seinen Markenjeans noch heute in aller Munde.







Im Jahr 1849 erreichte der kalifornische Goldrausch einen ungeahnten Höhepunkt. Die Goldsucher wurden zumeist nicht reich, dafür aber jene, die sich auf die dazugehörigen Dienstleistungen spezialisiert hatten.








Warum ich die Geschichte vom kalifornischen Goldrausch erzähle? Weil sich die Frage stellt, ob sich das oben genannte Beispiel, bei der KI wiederholen wird. Es wäre unseriös, heute mit absoluter Bestimmtheit vorhersagen zu wollen, wohin die Entwicklung gehen wird. Doch die Frage, ob es denkbar ist, dass auch heute vor allem die Anbieter der KI von dem Hype profitieren werden und die Autorinnen und Autoren am Ende leer ausgehen, muss gestattet sein.


Um eine Ahnung von dem zu bekommen, was uns in einem doch sehr überschaubaren Zeitraum erwartet, gilt es einige Fragen zu stellen.

Etwa, was sich Verlage vom Einsatz der KI erhoffen. Eine der größten Versuchungen, denen Unternehmen ausgesetzt sind, besteht bekanntlich darin, die Lohnkosten zu senken, zum Beispiel durch den Abbau von Arbeitsplätzen. Warum sollten ausgerechnet Verlage dem Reiz der Personalkostensenkung nicht erliegen? Der Konkurrenzdruck ist groß und der Papierpreis schießt momentan durch die Decke.

Wie wir gesehen haben, werden in manchen Verlagen die eingesandten Manuskripte bereits durch die KI im Vorab geprüft und das dürfte nur der erste Schritt sein. Inwiefern die Nutzung der Künstlichen Intelligenz schon Arbeitsplätze gekostet oder die Zuarbeit freier Mitarbeiter reduziert hat, ist nicht bekannt. Die Ausweitung des Einsatzes der KI würde aber zweifellos den Anteil menschlicher Mitarbeit reduzieren. Ob zeitgleich neue Tätigkeitsfelder für Angestellte oder freie Mitarbeiter entstehen und wie diese aussehen sollen, steht noch in den Sternen. Könnte es also sein, dass sich die Autorinnen und Autoren damit anfreunden müssen, dass ihre Manuskripte in einer zeitnahen Zukunft von einer KI geprüft und bewertet werden?


Droht dem Buchmarkt ein Tsunami?


An diesem Punkt drängt sich natürlich die Überlegung auf, inwiefern dies tragisch wäre, wenn die Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Texte zuvor mit einer KI erstellt haben.

An diesem Punkt angelangt, muss die Frage gestellt werden, was die Gründe dafür sein könnten, dass Autoren sich zukünftig nicht nur ihre Manuskripte von Programmen prüfen, sondern sogar schreiben lassen.

Ist es Bequemlichkeit, denn die KI kann in dem Zeitraum, in dem ein Autor mit Broterwerb ein Buch veröffentlicht, viele Manuskripte fertigstellen?

Denken manche Autoren vielleicht, mit der Künstlichen Intelligenz ihrem Ziel, vom Schreiben leben zu können, näherzukommen?

Letzteres wäre ein Trugschluss, denn wenn ich mit der KI zwei Bücher im Monat auf den Markt bringen könnte, wären auch alle anderen Autoren dazu fähig. In der Folge würde es eine Flut von Veröffentlichungen geben, deren Ausmaß heute nicht absehbar ist. Da die Zahl der Leser nicht mit der Anzahl der veröffentlichten Bücher steigt, würden eher die Verkaufszahlen sinken, die im Durchschnitt ein Titel erzielt. Nur die Verkaufsplattformen würden weiterhin ihren Umsatz stabil halten, vorausgesetzt, dass die Zahl der Gesamtverkäufe auf dem heutigen Niveau bleibt.


Vermutlich würde es also nicht leichter, eher sogar schwieriger werden, sich auf Basis der Autorentätigkeit den Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei müssen schon heute viele Schriftsteller mit einem Brotjob oder literarischen Dienstleistungen ihr Einkommen aufbessern. Vom Bücherschreiben allein können in Deutschland nur ganz wenige Menschen leben.


Doch wie gut ist die KI heutzutage und wie funktioniert sie? Kann sie wirklich jeder nutzen, um ein Buch zu schreiben?

Eigentlich schon, denn manche Anbieter, die mit der KI zusammenarbeiten, machen es dem Nutzer recht leicht.

Ohne jetzt auf jedes Detail einzugehen, nehmen wir einmal an, einen Kriminalroman schreiben zu wollen. Wir geben also ein, dass es um einen Krimi geht, um Mord vielleicht und es ist u.a. möglich, den Ort und die Zeit festzulegen. Die KI wird einige Vorschläge für die Geschichte unterbreiten, allerdings, wir erinnern uns, immer auf der Basis dessen, mit welchem fremden und meistenteils urheberrechtlich geschützten Wissen sie trainiert wurde. Ferner können zu diesem Zeitpunkt Charaktere aus der Geschichte herausgenommen oder einfügt werden. Auf Wunsch kann die KI von den Figuren sogar ein Bild erstellen.

Irgendwann, dann, wenn die Nachjustierungen abgeschlossen sind, kann der Befehl gegeben werden, den Plot in eine Geschichte zu fassen. Damit ist der Roman aber nicht fertig. Die Qualität entspricht zumindest heute oftmals nicht dem, was sich der Nutzer vorstellt oder ein Verlag erwartet. Es ist also noch notwendig, den Text zu überarbeiten und auch ein Lektorat wäre anzuraten.

Doch als Fazit steht, die Entwicklung der Geschichte und Charaktere, sowie der Prozess des Herunterschreibens, wird von der KI übernommen. Der Zeitaufwand dafür ist im Vergleich zur herkömmlichen Methode geradezu minimal.

Feldversuchen zufolge könnte ein fleißiger Autor mithilfe der Künstlichen Intelligenz zwei Romane, mindestens aber ein Buch im Monat fertigzustellen. Dieses Tempo kann selbst ein Selfpublisher nicht vorweisen, der gewohnt ist sechs bis acht Bücher im Jahr zu veröffentlichen und keinem Broterwerb nebenher nachgeht.


Eine KI besiegt den Weltmeister!


Heute steckt die KI, auch wenn es im ersten Moment seltsam klingen mag, noch in ihren Kinderschuhen. Sie wird weiter lernen, sie wird weiter entwickelt und trainiert werden und wo der Weg enden wird, vermag niemand vorherzusagen.


Um einen Blick in die Zukunft der KI zu werfen, ist es hilfreich, die Zeit einige Jahrzehnte zurückzuspulen.

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatten die besten Schachcomputer gegen die Weltmeister dieser fantastischen Sportart keine Chance. Ich kann mich noch gut an einen Artikel erinnern, in dem es hieß, dass der Mensch dem Computer immer überlegen sein wird. Begründet wurde diese Behauptung mit dem Hinweis, dass im Unterschied zum Menschen, ein Computer nicht strategisch denken kann. Damals arbeiteten die Schachprogramme mit einem System, das einem elektronischen Karteikasten ähnelte. Der Computer analysierte den Stand auf dem Spielfeld und suchte sich dann unter den gespeicherten Antworten den Zug aus, der ihm erfolgversprechend erschien. Dabei »dachte« er sogar einige Züge weiter, um seinem menschlichen Gegner die Fortsetzung des Spiels möglichst schwer zu machen. Dennoch unterlag diese frühe KI regelmäßig den Großmeistern.


Die Serie des Radioshack 1650 Schachcomputers wurde 1984/85 eingeführt. Damals waren die Programme den menschlichen Spielern noch unterlegen, was sich aber reichlich ein Jahrzehnt später mit Deep Blue ändern sollte.


Doch ungeachtet der Misserfolge wurde die Weiterentwicklung stetig weiterbetrieben und am 11. Mai 1997 war es dann so weit. Der Schachcomputer Deep Blue schlug unter Wettkampf- und Turnierbedingungen den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow. Dabei war es ausgerechnet Kasparow gewesen, der noch in den achtziger Jahren behauptet hatte, niemals gegen einen Computer zu verlieren. Umso krachender schlug die Nachricht seiner Niederlage ein.


Die Geschichte zeigt, dass Programme, die heute gern als KI bezeichnet werden, Zeit benötigen, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Gleiches wird mit ChatGPT und vergleichbaren Programmen passieren, mit einem Unterschied allerdings. Es werden nicht mehr Jahrzehnte vergehen, bis die KI die Leistungsfähigkeit erreicht, um Bücher von einer Qualität zu verfassen, dass weder ein Lektorat noch ein Korrektorat notwendig sind. Beim momentanen Entwicklungstempo wird die Künstliche Intelligenz schon in fünf bis sieben Jahren, im Vergleich zu heute kaum wiederzuerkennen sein.

Wer also glaubt, wir sprechen von einer weit entfernten Zukunft, irrt gewaltig. Diese Zukunft steht bereits vor der Tür und streckt in diesem Augenblick bereits den Arm aus, um den Klingelknopf zu drücken, der sich an der Tür unserer Schreibstuben befindet.


Auch das Umfeld der Selfplublisher könnte sich wandeln.


Vor einigen Wochen habe ich mich mit einer geschätzten Kollegin über die KI unterhalten und sie stellte dazu fest, dass jene Autorinnen und Autoren, die sich der KI zuwenden, dabei wären, an dem Ast zu sägen, auf dem sie sitzen.


Ja, vielleicht, doch die Problematik ist viel umfangreicher, denn auch die Dienstleister haben gute Gründe sich darüber Sorgen zu machen, dass ihnen die Künstliche Intelligenz zukünftig Konkurrenz machen wird.


Schon heute kann die KI, wenn dies gewünscht ist, Bilder von den von ihr erstellten Charakteren anfertige. Warum also sollte die Künstliche Intelligenz nicht auch bald Cover erstellen können, schneller und billiger, als es jeder Coverdesigner kann?




Rund ums Schreiben können Autorinnen und Autoren zahlreiche Workshops finden. Die Liste reicht vom Schreibstil, über den Plot, bis hin zur Recherche.





Die nächste Frage wirft einen Blick auf die Dienstleister, die es rund um die schreibende Zunft, vor allem für Selfpublisher gibt. Wer braucht bei einer fast perfekt agierenden KI schon noch ein Lektorat? Die Rechtschreibung der Künstlichen Intelligenz zu perfektionieren, sollte den Klickfabriken nicht vor unlösbare Problem stellen.


Zurzeit werden rund ums Schreiben viele Workshops angeboten, doch wer benötigt diese noch, wenn die KI die üblichen Schreibregeln einhält und ein mundgerechtes Ergebnis in Form eines Manuskriptes erstellt? Wer muss dann das Handwerk des Schreibens noch erlernen?


Die KI wird somit nicht nur die Autorinnen und Autoren vor große Herausforderungen stellen, sondern das gesamte Umfeld. Ob darüber schon jene nachgedacht haben, die auf die KI begeistert reagieren?


Doch einmal angenommen, ich würde die KI für mein nächstes Buchprojekt nutzen und dies nicht kennzeichnen, würde sich dann noch in dem Buch das befinden, was auf dem Cover steht? Steckt dann wirklich noch Pelle Gernot drin oder handelt es sich um eine Art Etikettenschwindel?

Um auf die Frage eine Antwort zu finden, müsste geklärt werden, was die Leserschaft unter der Tätigkeit einer Autorin oder eines Autors versteht. Den Plot der Geschichte erstellen? Die Entwicklung, ja die Schaffung der Charaktere? Das Schreiben des Buches? Die Überarbeitung des Textes?


Nimmt mir nicht die KI genau diese Arbeit zu großen Teilen ab und in Zukunft vielleicht sogar gänzlich? Tatsächlich würde ich schon heute mit der KI viel geringeren Einfluss auf den Plot, auf den Schreibstil oder die Charaktere der Geschichte nehmen. Dabei ist vorhersehbar, dass dieser Einfluss schon bald noch kleiner werden wird.

Aber bin ich dann, wenn ich gar nicht schreibe, wenn ich mir den Plot nicht selber von A bis Z ausdenke, wenn ich die Charaktere nicht selber kreiere, überhaupt noch ein Autor? Oder verkümmere ich auf diesem Weg zum bloßen Ideengeber?


Doch bei all den kritischen Fragen, gibt es auch Hoffnung, Hoffnung für all jene, die wie bisher und ohne die Hilfe von ChatGPT weiterschreiben möchten. Worin diese Hoffnung besteht und warum es auch Gründe gibt ganz normal weiterzuschreiben, dazu dann mehr im nächsten Blogartikel.

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